18
Apr
2013

M-STADT NACHT/ZUG/GEWÄSCH

jiontsDer Zug, ein kränklicher Sonderling mit altdeutschen Namen, der das Alter nicht ablegen konnte, roch den nächsten Bahnhof und die nächste Stadt und fuhr langsamer. Seit gut einer Viertelstunde nun schon jubelte der Schaffner eine Zugverbindung, eine Anschlussstelle nach der anderen in sein rauschendes Mikrophon. Am liebsten hätte ich dem Mann, der die Dynamik eines Tagesschausprechers hatte, eine verpasst und damit das Gequatsche beendet, oder ihm ein Handtuch um den Hals gelegt und zugezogen. Wie liebend gerne würde ich ihm die Luft zum Atmen nehmen, einen Schnuller in den Mund hinein drücken und dann wie ein Kind in die Hände klatschen, wenn er daran krepiert..
Ich war eingeschlafen. Einige Dosen Jack Daniels ließen mich schlummern, wenn auch nur kurz. Stimmt! Da war ich stehen geblieben, ganz am Anfang der Geschichte. Ich saß also immer noch in diesem schäbigen Zweite-Klasse-Abteil. Gegenüber von mir saß ein Honky Tonky, ein Quergeschlitzer, ein Chiny, einer mit ganz besonderen Fähigkeiten. Der kleine Mann hatte den Ehrenplatz unter den an, an Armut und Krieg hinter sich gelassenen, wund gesessenen Sitzen in diesem Abteil. Es war gleich nach der ersten Station, als der Mann es vorgezogen hatte, sich von seinem Schuhwerk zu verabschieden. Was über mich herfiel, war eine äußerst elegante Fußzüchtung, eine Mischung aus alten , abgewetzten Socken, seit Tagen nicht gewaschenen Füßen, mit einem hin und wieder stark verhinderten, äußerst stummen aber wirkungsvollen Schließmuskel, der sich von Industrieabfällen zu trennen schien. Das ich noch am Leben war, hatte auch nichts mit meinem zweiten Zugbegleiter zu tun, der nach der fünften Station in das Abteil gekommen war und in der Mitte Platz nahm. Aus dessen Körper floss der Schweiss in Strömen. Mit gesenkten Blick saß er meistens da und faselte ununterbrochen irgendetwas von menschlichen Schicksalen, Hass und Liebe, gedankenlosigkeit eines Primitiven, absurdes und abstoßendes Gewäsch, das öfters den Anschein machte, sich aus seinem Mund befreien zu wollen.
Ganz rechts am Fenster saß ein schweigsames, unscheinbares Mädchen. Ein Mädchen aus unserer Zeit in ihrer kompaktesten Form, eingehüllt von oben bis unten in United Colors of Benetton.
Recht nett anzuschauen, so wie sie damals alle waren. Die Erotik zu Hause gelassen, die Titten hinter dunkler Kaschmirwolle versteckt, die Haare straff zurück gekämmt, Lippen und Augen fehlte es an Farbe und Pinselstrichen, an frei zugänglicher, solariumsgebräunter Nabelschau war nicht zu denken. Dabein hatte sie wirklich einiges zu bieten. Als sie sich streckte, flogen sie fast übermächtig über mich her, ihre großen, leicht wippenden Brüste. Mein Gott! Vor Freude klatsche ich in die Hände! Wie gerne wäre ich ihr freundschaftlicher Berater geworden! Ich wäre ihr sogar bei heiklen Gehalts-und Honorarfragen beiseite gestanden, ich würde ihr blind in jedes Hotel folgen, in jede dunkle und Hofeinfahrt und Tiefgarage würde ich sie begleiten, nur um sie einmal ohne jegliches Verpackungsmaterial anzuschauen und anzufassen, diese wohlgeformten Ausbuchten, die mich fast um den Verstand brachten..
smoke.mirror@yahoo.de

bausatzkonstrukt

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Aktuelle Beiträge

Vergessen? Hoffe-Nicht!...
Ein kurzes Fazit über Ihre bisher veröffentlichten...
ralf jeneke - 29. Jun, 16:36
gefallen am text
ich hab keine ahnung von underground-texten und ob...
XeniaS. - 29. Jun, 00:20
Texte?
teilweise echt fette texte. interssante schreibweise....
XeniaS. - 29. Jun, 00:01
PERRY T. HADDEN/M-STADT
BAUSATZKONSTRUKT.MYBLOG .DE
Perry T.Hadden - 13. Jun, 23:03
PERRY T. HADDEN / BAUSATZKONSTRUKT
BLOG/REDUZIERTE/TEXTE
Perry T.Hadden - 12. Jun, 21:18
F A C E B O O K
Perry T.Hadden - 12. Jun, 19:35
T W I T T E R
Perry T.Hadden - 12. Jun, 19:34
M-STADT- NACHTQUALM
Regen fiel, in einer kühl gewordenen Nacht. Es war...
Perry T.Hadden - 29. Mai, 21:29

T/W/I/T/T/E/R/

Suche

 

Status

Online seit 4683 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 7. Jul, 02:00

Credits


Profil
Abmelden
Weblog abonnieren