M-STADT EIN TÜRRAHMEN VOLL TESSIE
Der Winter war gegangen. Mit ihm verschwanden Nässe und Kälte , übergroße Schneehaufen auf den Straßen wurden trinkbar und das winterliche Leiden der Menschen auf kommendes Jahr verschoben. Mit dem Ende des Winters ging auch die Einsamkeit, die mich hinter verschlossenen Fenstern und Türen , mit künstlichem Licht gegen die Dunkelheit Monate lang gequält hatte. Kokain und Bourbon halfen gegen die Einsamkeit, meistens zumindest, aber eben nicht immer. Menge und Dosis wurden zunehmend zu einem unkontrollierbaren Gemisch auf der Fensterbank, eine gläserne und Linien gezogene Selbstzerstörung, Teufelsgelächter, dass regelmäßig über mich herfiel, an manchen Tagen war der Gedanke an Selbstmord nicht mehr fern, wenn permanente Angstzustände mit mir machten was sie wollten.Ich saß am offenen Fenster und studierte das Leben im Viertel. Die Nacht war lau. Zwei Falter durchquerten mein Zimmer, später kamen die ersten Mücken, deren Leben ich auf keinen Fall unnötig verlängern wollte. Plötzlich klingelte es an der Wohnungstür. Mein Vater würde schon aufstehen und nachschauen, so war ich mir sicher. Er saß immerhin schon seit Stunden stumm im Wohnzimmer, ein bisschen Ablenkung würde ihm da nicht schaden.
An meiner Zimmertüre klopfte es.
"Du hast Besuch," sagte mein Vater geruchlos
Die Türe ging auf.
"Hey, ich hab gehört, du würdest mich gerne wieder sehen."
Für einen Moment glaubte ich mich übergeben zu müssen. Da stand sie, lässig im Türrahmen gelehnt, blässlich und fast ein wenig lichtscheu, mir völlig unerklärlich, nur einen winzigen Luftzug von mir entfernt und nein, die Mücken würden mir nicht zuvor kommen, ich würde schneller sein als sie. Aber wie konnte ich überhaupt nur davon reden, schneller zu sein als sie, wie soll das gehen, wenn ich erst mal kotzen muß.
Tessie lächelte geheimnissvoll.
"Bekomme ich denn keinen Begrüßungskuss nach so langer Zeit?"
Ich schwieg. Die Stille im Raum war fast unerträglich. Im Deckenfluter neben der Tür verbrannte ein Falter.
"Oder ist es dir lieber, wenn ich wieder gehe?"
Tessie blieb. Die ganze Nacht......
Perry T.Hadden - 27. Apr, 02:58

Ein kurzes Fazit über Ihre bisher veröffentlichten Texte
Grundsätzlich bestechen die Texte durch einen äußerst brillanten Schreibstil! Allerdings braucht der Leser eine Zeit, um in die düstere Thematik einzusteigen, die durch die vielen scheinbar wahllos durcheinander gewürfelten Einzelausschnitten geschaffen wurde. Dennoch schafft es der Autor, in kurzen Texten, extreme Bilder menschlicher Abgründe und einer faszinierend bedrohlichen Welt entstehen zulassen, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Verantwortlich hierfür ist, das der Autor ungewöhnliche Stilmittel nutzt, die den brutalen Charakter der Textinhalte bis ins Extrem steigert. In erster Linie bestechen die Texte durch eine wortgewaltige Sprache!
Umso mehr war ich verwundert und enttäuscht darüber, dass es doch etliche Textstellen gibt, die wenig aussagekräftig formuliert worden sind. Von Jemanden der in der Lage ist, mit äußerster Konsequenz - fast schon brutal und übermächtig - sprachlich über einen herzufallen, sodass man das Gefühl hat, an Wortgewalt und Sinnesflut zu ersticken , erwarte ich auch bei weniger aufregenden Textstellen mehr, als die eher einfach gewählten Lösungen.
Alles in allem überzeugt mich der Blog.
Tipp aus dem Verlagswesen ( Texte/Kommentare wurden frei ausgewählt)
Ralf Jeneke