M-STADT- NACHTQUALM
Regen fiel, in einer kühl gewordenen Nacht. Es war Zeit zugehen. Während ich die Straße überquerte , kam in mir ein ungestilltes Verlangen auf, wie ein unerfüllter Kuss, kein Traum, sondern ein zurück kehrender Trieb, der mich krampfhaft umschlang und nicht mehr von mir abließ. Fast wie blind lief ich minutenlang auf und ab, um ihn zu finden. Da stand er plötzlich, bleich und regungslos, fabrikmäßig aufgestellt klebte er an einer dreckigen Häuserwand, in einer dunklen Ecke. Der Zigarettenautomat gab mir Sicherheit und Ruhe in einer heftik gewordenen Welt. Ich dachte, damit sei es gut, als ich die Zigarette oben im Schlafzimmer rauchte.Im Treppenhaus nächerten sich Schritte unserer Haustür, schnaufende Schritte, die umso näher sie kamen immer weniger Leben versprachen, oben angekommen schienen sie fast ausgestorben. Die Haustür gegenüber wurde aufgesperrt. Ein kränklicher Husten, ein Suppenteller voll Tierschleim stand kurz vor dem Ausbruch. Ich erinnerte mich zurück. An die Zeiten von M-Stadt, an die fiesen, grauen Betonblöcke, wo sich auch in einem die Wohnung meiner Eltern befand. Und an die unzähligen Alten, die dort schön der Reihe nach, Etage für Etage wegstarben. Auch ich habe sie damals oft nicht wahrgenommen, die stummen Schreie der Alten. Das Röcheln und Winseln eines geschundenen Körpers, dessen Wochenration Pisse sich an den offenen Wunden und Ritzen eines pröckelnden Schenkelmauerwerks ablesen ließ. Genauso wenig, wie die naheliegende Verwandschaft, die mit beängstigender und störrischer Ruhe einfach nicht mehr kam.
Tessie war nach Hause gekommen.
"Ich habe Hunger!" "Du hast mir versprochen, dass du was kochst"
"Willst du ne Kippe?" "Nur Mut" "Hab keine Scheu"
" Noch mehr Nachtdunst?" " Ist die Welt da draußen, nicht schon Dunst genug?"
"Das Fenster ist offen!"
"Höchstens einen Zug!"
Perry T.Hadden - 22. Apr, 19:59
