PERRY T. HADDEN/M-STADT
Perry T.Hadden - 13. Jun, 23:00
Gespenstische Stille herrschte in dem kleinen Weg, wo ein langweiliges Reihenhaus neben dem anderen stand. Häuser, die sich im nassen Aspahlt spiegelten, teilweise mit heruntergelassenen Fensterläden, menschenleer sogar die meisten. Es schien, als wäre man ausgegangen. Das gelbliche Mondlicht einer glasklaren Winternacht fiel in den Vorgarten. Die Balkontür stand gekippt. Dort saßen sie im hellen Licht des Wohnzimmers, beide. Der unscheinbare Mann und seine Frau, in getrennten Sesseln und lauschten weltlichem, dass aus einem kleinen Fernseher kam. Über den köpfen hing ein einsames Bild auf einer weißen, kahlen Wand, schemenhaft sah man die Küche, Ofen, Tisch und Stuhl ließen sich nur stückweise blicken. Zu später Stunde ging die Frau nach oben und legte sich schlafen, während der Mann sich ganz genüsslich noch ein weiteres Bier gönnte. Perry ging durch den Garten und klopfte an die Scheibe der Balkontür. Erschrocken von dem nächtlichen, späten Besuch öffnete der Mann zögerlich die Türe und ließ Perry nach einem kurzen Wortwechsel in das Haus. Kurz darauf, fassungslos aufgrund der unverhofften Begegnung die ihm gegenüber am Tisch saß, taumelte der Mann kreidebleich im hellen Licht und sackte zu Boden. Von Schüttelanfällen überkommen klammerte er sich an Perrys Hosenbein. Dem Nervenzusammenbruch nahe, suchte er nach Rechtfertigung für den kläglichen Versuch den er unternommen hatte, an einem unschuldigen Kind mal so richtig Dampf abzulassen. Es lag an ihm die Sache seiner Frau zu beichten. Andernfalls würde Perrynach oben in den ersten Stock gehen, er würde sie vorsichtig aus dem Schlaf holen, ja geradezu rührend würde er sie bei der Hand nehmen und ihr während eines ausgiebigen Abendspaziergangs im geblichen Mondlicht, fast wie ein richtiges Liebespaar, die ganze Geschichte erzählen. Solange, bis sie auf den Boden fällt, sich nicht mehr bewegen und dem Leben auf Wiedersehen sagen würde. Als Perry das Haus verlies, wagte der bleiche Mann sich kaum noch zu rühren.
"Hey du Schlafmütze", flüsterte mir eine warme Stimme ins Ohr.
M-Stadt war jener eingeschlagene Schädel einer Gesellschaft, der urplötzlich da war, lautlos, über Leichen gehend, wo keine Dichtkunst, Nobelpreisträgertum und New Economy entstand, sondern einem schlichtweg das Grinsen aus der Fresse geprügelt wurde. Während in unserem Land die aufkommende Armut und Verwahrlosung von neuen Sozialprogrammen, täglich neuen Kampfansagen der Länder und Kommunen kaschiert wurde, holte M-Stadt Tag für Tag zu einem neuen Schlag gegen die Gesellschaft aus.
Straßenlaternen brannten unzuverlässig. Vom Nebel verschwommen, brachte nur jede zweite Straßenlampe Helligkeit in Straße und Viertel. Ein großer, plump wirkender Hund, aufgewühlt durch das Erscheinen zweier nächtlicher Spaziergänger, hing plötzlich schnaufend am Zaun und schlug Krach. Das Bellen zeigte Wirkung. Die Bewegungsmelder tauchten den rießigen Garten, in eine nichtssagende matt-gelbliche Blässe. Auch die Toreinfahrt verlor ihre dunkle Nachtlaune und veröffentlichte gegen Ende hin tatsächliches Villenleben. Zwei altbrüchige Erscheinungsbilder, mumifiziert in südhaft teurer Sterbegewändern, rannten quer durch das Wohnzimmer zur Haustür hin. Im Gefolge, das Entlastungsmaterial für den ganz normalen Villenalltag.
Im Vorbeitrödeln zog ich hecktisch einen halben, von der Nacht noch übriggebliebenen Strich, der auf meinem kleinen Spiegel unter dem Bett lag. Aus meinem Mund roch die Nacht . Kippen, Bourbon und Kokain, hinter vorgehaltener Hand schien der Duft eines nassen Straßenköters tiefer in mir drinn zu stecken, als es mir lieb war. Jeder Drogenköter hätte an diesem frühen Morgen seinen Job an den Nagel gehängt und das Weite gesucht, die Grundausbildung neu überdacht und in Zukunft lieber Bomben entschärft, als einen Hauch von diesem Atem in seiner Nase zu spüren. Ich ging duschen.
Der Winter war gegangen. Mit ihm verschwanden Nässe und Kälte , übergroße Schneehaufen auf den Straßen wurden trinkbar und das winterliche Leiden der Menschen auf kommendes Jahr verschoben. Mit dem Ende des Winters ging auch die Einsamkeit, die mich hinter verschlossenen Fenstern und Türen , mit künstlichem Licht gegen die Dunkelheit Monate lang gequält hatte. Kokain und Bourbon halfen gegen die Einsamkeit, meistens zumindest, aber eben nicht immer. Menge und Dosis wurden zunehmend zu einem unkontrollierbaren Gemisch auf der Fensterbank, eine gläserne und Linien gezogene Selbstzerstörung, Teufelsgelächter, dass regelmäßig über mich herfiel, an manchen Tagen war der Gedanke an Selbstmord nicht mehr fern, wenn permanente Angstzustände mit mir machten was sie wollten.